Der ältere Herr mit dem steifen Kragen zu dem Kerl mit dem Snack-Mobil im ICE, nachdem er den dampfenden Becher Kaffee entgegen genommen hat:
„Mein Geld? Das hat meine Frau. Die ist irgendwo da hinten. Aber die kommt wieder.“
Und trinkt.
Der ältere Herr mit dem steifen Kragen zu dem Kerl mit dem Snack-Mobil im ICE, nachdem er den dampfenden Becher Kaffee entgegen genommen hat:
„Mein Geld? Das hat meine Frau. Die ist irgendwo da hinten. Aber die kommt wieder.“
Und trinkt.
Es ist mehr ein gemütliches Zusammensitzen als eine Party. Der Wohnungseinzug, den es zu feiern gilt, ist ja auch schon einige Monate her. Im Laufe des Abends, nach dem Essen, lichtet sich die Runde bis auf einen kleinen Kreis rund um den Couchtisch. Mit dabei: die weit über sechzigjährige Nachbarin von oben drüber.
Sie plauscht, hört zu, erzählt – und hat Spaß an der Musik. Der Gastgeber entscheidet irgendwann, dass es Zeit ist für Cuba Libre, zur Feier des Tages mit gutem Rum. Die erste Runde schaut sich die alte Dame noch an, bei der zweiten ist sie dabei. Als sie ihr Glas geleert hat, zückt sie ihre Brille, nimmt sich einen Löffel und inspiziert den Glasboden. Was das denn sei? Limetten? Aha. Sie hätte schon gedacht, das seien Zucchini… Gegen halb drei verabschiedet sie sich fröhlich. Sie müsse ja morgen früh in die Kirche.
Als ich mich an den Tisch setze liegt auf einem der Sitze gegenüber ein Mantel. Schnellprognose: eher ein Er. Ich vertiefe mich in mein Buch – bis sie zurückkommt. Reserviert ihren großen Laptop auspackt, die Kopfhörer richtet und dann hinter ihrem Film versinkt. Wobei „versinken“ das falsche Wort ist, denn so etwas würde ihr gerader Rücken niemals zulassen. Auch ich widme mich meinem Buch. Bis ich aus den Augenwinkeln wahrnehme, wie ihr der Film zu gefallen scheint, wie sie immer wieder in sich hineinlacht. Als sie dann noch die Kapuze ihres Strickpullis aufzieht, mag ich sie. So verbringen wir zusammen einen Teil unseres Abends, sie mit ihrem Film und ich mit meinem Buch, während draußen das dunkle Süddeutschland vorbeirauscht.
Ebenso reserviert wie sieh ihn ausgepackt hat, packt sie ihren Rechner auch wieder ein. Steht auf – ich schaue auf – und strahlt mich an.
„Tschüss!“
„Tschüss!“
Sie lässt sich Zeit und ich komme noch dazu, ihr zu sagen, dass ich ihre Kapuze toll finde. Grinsend macht sie sich auf den Weg zum Ausgang – und ich widme mich wieder meinem Buch. Bahnreisen bleibt schön.
In Friedrichshain ist er mir über den Weg gelaufen: „just„. Streetart fasziniert mich, aber fast noch mehr mag ich die Bilder von den nächtlichen Mal-Aktionen auf den Dächern.
Schräg gegenüber, auf der anderen Fensterseite, sitzt ein Mädchen und weint. Die Studentin ihr gegenüber bricht mit der Anonymität, mit den Kokons der Unantastbarkeit des öffentlichen Raums – und hört zu. Fährt etliche Stationen weiter als sie vorhatte. Fragt nach, was es mit den „schlimmen Gedanken“ der Schülerin auf sich hat. Sagt einfache Sätze mit großer Wirkung: „Dafür musst Du Dich nicht schämen!“ Spricht von Hilfsangeboten, macht Vorschläge. Widersteht aber der Versuchung, zu einfache Antworten zu finden auf die immer wiederkehrende Frage des Mädchens: „Wie finde ich Freunde?“
Während ich darauf warte, dass mein Zug endlich fährt, kommen auf dem Bahnsteig gegenüber zwei junge Frauen in den Blick. Die Haare dunkelschwarz, halb kurz, halb lang; schwarz auch die engen Hosen und die Lederjacken, mehr Nieten als Gürtel, mehr Kriegsbemalung als Makeup. Ich freu mich sehr, sie zu sehen – obwohl ich sie nicht kenne. Und brauche einige Augenblicke um zu realisieren, warum: Nachdem es schon einige Zeit her ist, dass mich die Bücher in ihren Bann gezogen haben, waren es diese Woche die Stieg Larsson-Verfilmungen, alle drei auf einmal…
Dies ist mein drittes Blog. (Mein dritter Blog?) Und Kontinuität sieht anders aus. Eine Ursache ist der Spagat zwischen öffentlichem und persönlichem: Was möchte ich im Netz von mir preisgeben? Was mit meiner Person verbinden? Immer wieder habe ich mich mit diesen Fragen auseinandergesetzt – und bin darüber mit dem bloggen nie so richtig warm geworden.
Das Ganze hat noch viel spielerisches, experimentelles an sich. Das gefällt mir. Gleichzeitig ist es für mich aber auch nicht mehr das große neue Ding, dem ich mich intensiv widmen möchte (wie damals das erst Computerspiel, die erste eigene Website, der erste Moderatoren-Job in einem Fachforum, das erste Social Network-Profil).
Nein, ich möchte nicht, dass wer meinen Namen googelt, hier landet. Ich werde nicht die Beiträge aus den Vorgänger-Blogs importieren, auch wenn mir manche noch sehr gut gefallen. (Alte Beiträge nicht zu löschen, auch wenn sie mir – gerade? – nicht mehr ins Selbstkonzept passen, ist hingegen ein schöner Tribut an das „Prinzip Blog“.) So langsam finde ich mich damit ab, dass meine wechselnden Ansprüche stets nur einen virtuellen Flickenteppich weiterbasteln.
Da ich, wenn ich mich nach längerer Zeit wieder hier umsehe, an manch alten Texten immer noch meinen Spaß habe, werde ich jetzt ganz eitel eine neue Kategorie einrichten: „Lieblingstexte“ :)
Er: „Haben Sie auch einen Bagel mit Fleisch?“
Sie: „Hier hätte ich einen mit Fenchelsalami!“
Er: „Ähm, schon gut…“
:)
„Wir deponieren Geld aus einem Etat, der nicht existiert, in einem Schließfach, von dem wir nichts wissen, bei einer Bank, in der wir nie waren.“
So cool der Satz zum Einstieg in eine Agentengeschichte auch ist… muss ich sofort an die Spendenpraxis von CDU/FDP denken. Wenn die Tagespolitik einen nicht mal in Ruhe einen Film genießen lässt…
(Eigentlich spricht es wohl für schlechtes Stilempfinden, Sätzen mit „Eigentlich…“ zu beginnen, um sie dann mit „aber…“ fortzusetzen. Aber wen interessiert bei diesem Wetter schon guter Stil?)
Eigentlich halte ich ja nichts von sogenannten „Regionalkrimis“, da sie all zu oft die Story einer endlosen Aufzählung von Schauplätzen unterordnen und ihre Protagonisten in die unmöglichsten Ecken und Enden einer Stadt zwingen, nur um dem Leser zwei mal pro Seite ein „Das kenn’ ich, da war ich auch schon“-Gefühl abzuringen.
Aber es geht auch anders. Zufällig bin ich über „Mord im Zeichen des Zen“ von Oliver Bottini gestolpert, habe die ersten Seiten gelesen und bin hängen geblieben. Ist gerade aber auch die passende Zeit, eine sympatisch-chaotische, halb- bis ganz gefeuerte Ermittlerin zu begleiten während sie einem Mönch durch den schwarzwälder Schnee hinterher stapft. Fazit: Das ist wesentlich weniger erzwungene Regional-Exotik als vielmehr ein spannend erzählter Krimi.